Wied#: Fixpunkt: Worum beten Sie?

Worum beten Sie?

Das unbeschwerte Pippi-Langstrumpf-Lied kann ich längst nicht mehr singen oder pfeifen. „Ich mach mir die Welt, wiede wiede wie sie mir gefällt.“ Ich muss dabei an die Personen denken, an wir zurzeit alle denken und erschrecke zutiefst: Das, was 80 Jahre galt, gilt nicht mehr. Die aus der den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und der Nazi-Diktatur aufgebaute Ordnung wird gerade gesprengt. Es wird jedenfalls versucht. Nein, diese Ordnung war gewiss nicht perfekt, gewiss nicht ohne eigene Interessen, aber doch orientiert an Recht und Frieden, an dem zentralen Gedanken: „Das darf nicht wieder geschehen“

Was jetzt geschieht, scheint unwirklich. Mein Gefühl ist, der Boden wankt. Und das Erdbeben setzt sich fort in meinen Gedanken, bringt auch dort alles ins Wanken: Was gilt noch? Was geschieht wohl als nächstes? Wer oder was kann dem Einhalt gebieten? Das lässt mich nachts nicht schlafen. Ja, es macht Angst.

In einer schlaflosen Nacht habe angefangen, mich mit dieser äußeren und inneren Not an Gott zu wenden, an diese unsichtbare, leise Präsenz, an die ich doch glaube, und die von dem Lärm der Nachrichten und von meiner Angst nur allzu leicht verdrängt wird. Ich sagte ganz einfache Sätze, wie “Ich bitte dich um Klarheit. Ich bitte um Halt. Ich bitte dich um Mut. Ich bitte dich um Halt und Mut für N.N. ….und für N.N. ….“

Langsam, betend, Satz für Satz, Bitte für Bitte, gewann ich wieder etwas Boden: ein wenig Halt, ein wenig Mut, ein wenig Kraft, keine Riesenportionen, aber doch.

Wie war das noch mal, was Dietrich Bonhoefer 1943 geschrieben hat:

“ Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. …Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.“

Mit diesen Gedanken will ich niemanden belehren. Ich will sie teilen in der Hoffnung, mich damit auch stärkend und mutmachend mit anderen Menschen zu verbinden, vielleicht auch mit Ihnen.  Worum beten Sie? Wenn Sie möchten, lassen Sie es mich wissen. Oder sprechen Sie mit jemandem aus ihrem Umfeld darüber. Vielleicht wartet ein Mensch darauf, braucht diesen Impuls, diese Anregung, um nachts nicht weiter schlaflos und in Angst zu sein.

Ute Brodd,
Pfarrerin der Trinitsatiskirchengemeinde Linz/Bad-Hönningen – Unkel/Rheinbreitbach

  • 02.02.2026
  • Beatrix Meyer
  • Red